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Magazine by UseTree
Gute Frage, Wissen Reading Time 5 min | 17.02.2020

Motivation: „Wir alle spielen Theater“?

Im zweiten Teil unserer Blogserie zum Thema Motivation haben wir den Grundstein für eine hohe Motivation im Vorfeld einer Befragung erläutert. In diesem Teil widmen wir uns der Phase während der Testung: welche Einflussfaktoren muss ich vonseiten der Versuchsperson und welche von mir als Forscher beachten? Und außerdem: wie halte ich die Motivation während des gesamten Interviews hoch?

by Redaktion

Der Soziologe Erving Goffman hat in seinem Klassiker das Rollenverhalten bestimmter Gruppen am Beispiel der Bühne und dem Theaterspiel verdeutlicht. Je nach Situation spielen wir je nach gesellschaftlich vorgeschriebenen Sitten eine angepasste Rolle. Wie kann man also den Probanden so wenig wie möglich beeinflussen? Ist das überhaupt möglich? Wir haben ein paar Vorschläge aus der Psychologie (Human Factors) zusammengetragen.

Das Interview

Damit bei der Testreihe alle eingeladenen Probanden teilnehmen, werden kurz vor dem Termin Erinnerungs-Mails mit den nötigen Informationen versendet. Dieser Punkt ist sehr wichtig, da die Teilnahmewahrscheinlichkeit somit deutlich erhöht wird.

Haben wir die Anwesenheit gesichert, geht es um die nächste Phase: das Interview.

Nun kommt es vor allem darauf an, die teilnehmende Person zu motivieren, bis zum Ende mitzumachen. Wie das gelingt? Über die Gestaltung der Test-, Interview- oder Befragungssituation sowie durch die Verwendung passender Methoden. Generell müssen dazu Merkmale der Teilnehmer berücksichtigt werden, wie beispielsweise die Aufmerksamkeitsspanne sowie Antworttendenzen und Stimmungen. Darum wollen wir diesen Eigenschaften ein besonderes Augenmerk schenken. 

Eigenschaften der Person, demografische Merkmale

Jeder Mensch bringt unterschiedliche Eigenschaften mit, die seine Motivation auf unterschiedlichen Ebenen beeinflussen. Das hat Auswirkungen auf die Test- bzw. Interviewgestaltung für verschiedene Personengruppen. Ein Beispiel ist hier das Alter von Teilnehmern: jüngere Menschen haben weniger Berührungsängste mit Technik, sind meist sehr technikerfahren und -affin.

Die Hemmschwelle, ein Produkt selbst auszuprobieren, ist niedriger als bei älteren Personen. Junge, technikaffine Personen werden im Test selbstbewusster wirken und auftretende Probleme eher auf eine schlechte Bedienbarkeit zurückführen als Ältere. Personen höheren Alters wiederum brauchen eine gute Einweisung und orientieren sich oft stark am Versuchsleiter, wenn sie Angst haben, etwas falsch zu machen.

Aufmerksamkeitsspanne beachten

Generell gilt: Die Aufmerksamkeit eines Teilnehmers darf nicht überstrapaziert werden! Eine Stunde Interviewzeit ist hier ein guter Richtwert. Bei älteren Personen sollte man beachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne im Alter abnimmt. Natürlich sollte die Testsituation oder das Interview so gestaltet sein, dass ein Teilnehmer nicht von der eigentlichen Aufgabe abgelenkt wird. 

Mental Workload

Die eben erwähnte Aufmerksamkeit hat viel mit dem Konzept des Mental Workload zu tun. Es beschreibt die Kapazität an Informationsverarbeitungsprozessen, die ein Teilnehmer zur Erfüllung der Anforderungen einer Aufgabe besitzt. 

Eine Person kann sich überfordert fühlen, wenn eine Aufgabe eine hohe Erinnerungs- oder Rechenleistung abverlangt. Tritt zusätzlich Zeitdruck auf, wird Stress bei den Teilnehmern begünstigt und die Folge ist eine erheblich verschlechterte Konzentration. Nun können sich schnell Fehler einschleichen, die nicht auf die getestete Anwendung zurückzuführen sind, sondern auf den Testaufbau und die Umgebung.

Daher immer Informationen und Aufgaben priorisieren, falls der Zeitplan sich ändert. Ablenkungen sollten während des gesamten Interviewzeitraums vermieden werden, um eine optimale ruhige Umgebung zu schaffen.

Vertrautheit mit der Testsituation

Erfahrene Tester kennen den Ablauf von Testsituationen, wohingegen die Situation für Neulinge ungewohnt ist. Neben bisherigen Erfahrungen haben auch die Erwartungen einer Person Einfluss darauf, wie sie mit einer Aufgabe umgeht – denn Personen besitzen eine Erwartungshaltung gegenüber ihrer Leistung. Wird diese befriedigt, fühlen sie sich wohler und zufriedener und sind eher geneigt, ein weiteres Mal an einem Test teilzunehmen.

Vorsicht: Neben Überforderung sollte auch Unterforderung verhindert werden, sonst tritt Langeweile und Desinteresse ein und der Person fehlt der Anreiz der Herausforderung, eine Aufgabe zu lösen! 

Bildquelle: Unsplash

Stimmungen

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Sollten Sie merken, dass ein Teilnehmer schlechte Laune hat, sollten Sie dies unbedingt notieren. 

Die schlechte Stimmung kann einen Einfluss auf die Leistung im Test haben und die Meinung zu bestimmten Fragen beeinflussen. Sollte der Teilnehmer allzu missgestimmt sein, kann es sogar ratsam sein, den Test freundlich abzubrechen. Charmanter: man schließt später die Daten aus der Auswertung aus. 

Soziale Erwünschtheit 

Prinzipiell besteht bei uns der Wunsch akzeptiert zu werden, vor allem in Testsituationen wollen wir positiv abschneiden. Daraus folgt, dass Antworten an sozial Erwünschtem ausgerichtet werden. Es fällt vielen Menschen daher schwer, Kritik zu äußern. Als Researcher wollen wir jedoch wissen, wo genau Schwierigkeiten bei der Lösung einer Aufgabe auftauchen. Darum müssen wir unserem Teilnehmer in Testsituationen eingehend vermitteln, dass nicht er getestet wird, sondern das Produkt, und dass uns gerade seine Meinung zu den Schwachstellen des Systems interessiert. 

Unser Einfluss als Versuchsleiter oder Interviewer

Auch wir als Versuchsleiter oder Interviewer sind Teil des Settings und wir müssen beachten, dass unsere Anwesenheit den Teilnehmer beeinflusst. Man steht demjenigen in einer der Situation zugeteilten sozialen Rolle gegenüber, die mit bestimmten Eigenschaften einhergehen. Das hat nicht nur beim Gegenüber einen Einfluss auf die Reaktion, sondern auch bei mir: etwa wie ich als Interviewer Fragen stelle, deren Form aber auch Stimme, Haltung, usw. Es spielen unbeabsichtigt Erwartungen, Einstellung und Vorerfahrungen des Teilnehmers eine wichtige Rolle. Die in dieser sozialen Situation erhobenen Daten sind nicht frei von diesen Einflüssen und können nie völlig objektiv sein.

Teil des Verhaltenskodex sollte also sein: verschiedenste Interviewpartner ähnlich gegenüberzutreten: freundlich, aber mit einer professionellen Distanz. 

Außerdem wichtig: je nach Interviewsituation und Fragestellung können verschiedene Motivationsgrundlagen die Oberhand gewinnen. Für sehr sensible Themen, bei denen große Verzerrungen im Antwortverhalten erwartet werden, lohnen sich unter Umständen anonyme Tools im Gegensatz zu Face-to-Face-Interviews.

Und was passiert nach dem Interview? Wir geben hierzu einen kurzen Einblick im letzten Teil unserer Blogreihe zu Motivation. 

Bildquelle: Unsplash